es folgt die Servicenavigation

Logo von queerhandicap
queerhandicap will Brücken schlagen ...

Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender
     mit Behinderung
         - aktiv, vernetzt und sichtbar!


Du bist hier: Startseite > Aktuell > Berichte > Mehr als satt und sauber?


HUK-Infoabend Februar 2008

Ein Buchautor, ein AWO-Mitarbeiter und ein buntes Publikum: Wie sehen sie die Welt der Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender mit Behinderung? - Andreas aus Köln berichtet aus seiner Sicht ...

Mehr als satt und sauber?

Bericht zu einem Infoabend am 12.02.08 in Hannover

Vor einer Woche saßen wir also in Hannover. Wir waren angereist zur Abendveranstaltung "Lesben und Schwule mit Behinderung". Es war Dienstag, der 12. Februar 2008.

Expertenwelten ...

Eingeladen war Thomas Rattay. Er ist der Autor des Buches "Volle Fahrt voraus". Es ist seit fast einem Jahr in jedem Buchladen zu haben. Rattay las vor aus drei von insgesamt 17 Interviews mit Lesben und Schwulen mit Behinderung.

Wie sehen Vicky, Tom und Elisabeth die Welt?

Thomas Rattay und Wolfgang Bunde

Foto groß anzeigen

Eingeladen war auch Wolfgang Bunde. Er ist Mitarbeiter des Ambulant Betreuten Wohnens der AWO Hannover. Im Vorfeld der Veranstaltung recherchierte er, dass eine Kollegin mal mit einer lesbischen Klientin zu tun hatte. Er selbst habe nur einmal einen schwulen Bewohner betreut. Auf die Frage, wie in seiner Einrichtung mit dem Thema Homosexualität umgegangen werde, folgte seinerseits zunächst Schweigen und Schulterzucken. Wenn es auftaucht, so Bunde, dann würde "damit umgegangen". Ein Konzept gäbe es nicht.

Es ist Herrn Bunde zugute zu halten, dass er dem Anschein nach nicht darüber im Bilde war, dass er hier als Referent auf dem Podium sitzen würde. Seine Einrichtung ist auch weniger der klassischen Behindertenhilfe zuzuordnen, mehr der Erwachsenenpsychiatrie. Sein Umgang mit Bewohnern beschränkt sich auf zwei Hausbesuche pro Woche. Im Mittelpunkt stehen Folgen einer psychiatrischen Diagnose.

Dennoch: Wie sieht Herr Bunde die Welt?

Sein Schulterzucken bestätigt in drastischer Weise das Vorurteil, dass wohl nicht wenige im Saal teilten: "Sexualität – erst recht Homosexualität – findet in Konzeptionen der Behindertenhilfe und vergleichbarer Einrichtungen nicht statt – noch immer nicht."

Vorbereitung und Moderation: Ulrike Kümel
© Corrie Peters

Veranstalter des Abends war die Gruppe "Homosexuelle und Kirche" aus Hannover (HUK Hannover). Moderatorin des Abends war HUK-Mitglied Ulrike Kümel. Von ihr recherchierte Informationen, etwa über das Lesbenfrühlingstreffen und die Freakshow im Waldschlösschen hingen an Stellwänden aus.

Andere Stellwände dokumentieren, wie Belange von Menschen mit Behinderungen im Gemeindeleben der HUK Hannover berücksichtigt werden. Kenntnisse in dieser Richtung beweisen an diesem Abend die Wahl des rollstuhlgerechten Veranstaltungsortes und Informationen in Großschrift. Schon der Werbeflyer beinhaltete den wichtigen Hinweis: "Wir werden eine Gebärdensprachdolmetscherin haben!". Er wurde in ganz Hannover ausgelegt.

Vielstimmiges Publikum ...

Die Werbung hatte offenbar gefruchtet. Es kamen viele HUK-Gemeindemitglieder. Es kamen aber auch andere Interessierte mit und ohne Behinderung. Der bis dahin interessierten Zuhörerschaft erteilte Ulrike Kümel nach einer Pause das Wort.

Ein Redner im Saal schilderte das Erleben einer schwerstbehinderten Lesbe, die in einem Heim lebt. Um Kontakt in die Szene zu knüpfen, sei sie auf Hilfestellungen seitens des Hauspersonals angewiesen. Gleichzeitig hat sie aber Angst vor Ablehnung und Ausgrenzung, wenn im Haus ihrer sexuelle Orientierung öffentlich würde. Sie sei im Unklaren, wie der Träger dazu stehe.

Fand deutliche Worte: Buchautor Thomas Rattay
© Corrie Peters

Thomas Rattay wies darauf hin, dass eine fehlende Positionierung eines Trägers noch keine Ablehnung darstellen müsse. Er mahnte aber an, dass der Umgang mit Sexualität einbezogen werden müsse in bestehende Konzeptionen. Mangelnde Aufklärung und Klarstellung bedrohe nicht zuletzt die Autonomie von Klienten und Heimbewohnern. Sinnvoll seien deutliche Signale nach außen. So wisse er um Beispiele aus Lübeck. Die dortige Diakonie erarbeite zur Zeit ein Leitbild, in dem "Sexualitäten" offen angesprochen werden.

Ein HUK-Mitglied wies darauf hin, dass es in Berlin ein schwules Seniorenheim gäbe. Doch auch im Bereich der ambulanten Pflege und Assistenz, so jemand anders, seien Dienstleister wichtig, die sich in Fragen der sexuellen Orientierung eindeutig positionierten.

Eine Anwesende outete sich gar als lesbische Anbieterin eines privaten Pflegedienstes. Sie arbeite selbst sehr gerne mit lesbischen Kundinnen. Und diese fühlten sich bei ihr auch in besseren Händen. Eine ihrer Kundinnen saß neben ihr und bestätigte dies.

Ein anwesender schwuler Assistenznehmer sagte hingegen, dass ihm die sexuelle Orientierung seiner Assistenten gleich sei. Wichtig sei allerdings das Geschlecht. Er persönlich könne sich nicht vorstellen, sich von einer Frau waschen zu lassen.

Mehr als nur Sex: "Sexualitäten"!

Thomas Rattay unterstrich die Bedeutung identitätsfördernder Angebote für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (=LSBT) mit Behinderungen auch in anderen Bereichen.

So stellte er kurz die Arbeit des schwul-lesbischen Jugendnetzwerkes Lambda e.V. vor. Der Schwerpunkt "Jugendliche mit Behinderungen" verfolge zwei Intentionen. Die Teilnahme von Jugendlichen mit Behinderungen an "bergreifenden schwullesbischen Aktivitäten, wie des jährlichen Sommercamps in Lützensömmern, fördere die Integration. Daneben gäbe es aber jährlich auch ein Wochenende ausschließlich für Jugendliche mit Behinderungen. Dies entspreche dem Wunsch der Beteiligten, "unter Gleichgesinnten" zu sein.

Eine ähnliche Motivation, so ein Anwesender, habe ja auch einst der "Freakshow" im Waldschlösschen bei Göttingen zugrunde gelegen. Seit 1994 hätte es unter diesem Namen ein jährliches Bundestreffen von Lesben und Schwulen mit Behinderungen gegeben. 2002 habe sich aber keine Lesbe mehr für das Orga-Team gefunden. Seit dem blieben behinderte Schwule hier unter sich.

Ulrike Kümel warf in die Runde: "Lesben und Schwule können eben nicht miteinander!" Sie verwies auf Erfahrungen beim jährlichen Lesbenfrühlingstreffen (=LFT). Lesben mit Behinderungen hätten sich hier erfolgreich ihren eigenen Platz erkämpft. Ihre Teilnahme würde durch staatliche Zuschüsse abgesichert. Für das LFT gelte inzwischen der Grundsatz: "Es ist barrierefrei oder es findet nicht statt!" Die Abwesenheit von Schwulen bzw. Männern werde von allen Lesben als wohltuend empfunden. Sie habe sich bewährt.

Gruppengründer aus Köln: Corrie Peters
© Corrie Peters

Corrie Peters hielt diesem Konzept die Erfolgsgeschichte von "RAR – RICHTIG AM RAND" entgegen. Diese Kölner Gruppe sei zwar Mitte 2005 von einem schwulen und einem bisexuellen Mann gegründet worden. Doch sie habe sich von Beginn an als Initiative für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender mit Behinderungen verstanden. Heute seien ebenso viele Frauen wie Männer vertreten, ob lesbisch, schwul, bi oder trans. TeilnehmerInnen bestätigten immer wieder, dass gerade der gegenseitige Austausch über Geschlechter- und andere Grenzen hinweg den besonderen Reiz der monatlichen Treffen ausmache.

Thomas Rattay fasste zusammen: "Es gibt schon Angebote, aber man muss sie suchen und eben hinkommen!"

Corrie Peters warb daraufhin für eine neue Initiative namens "queerhandicap". Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgendern mit Behinderungen solle queerhandicap als Anlaufstelle dienen. Hier könnten sich Interessierte über Angebote von und für Gleichgesinnte informieren. queerhandicap habe begonnen, relevante Informationen zu erfassen und auf einer zentralen Website bereitzustellen. (queerhandicap.de)

Thomas Wilde vom Schwulen Forum Niedersachsen äußert die Ansicht, dass gesonderte Angebote für LSBT mit Behinderungen in vielen Bereichen irgendwann nicht mehr nötig sein würden. Die fehlende bauliche Barrierefreiheit sei häufig noch ein Problem. Als langfristige Perspektive sähe er aber die Einbindung von LSBT mit Behinderungen in die Strukturen der vorhandenen LSBT-Community.

Köln, den 19.02.2008

nach oben



↑ zum Seitenanfang


Fußzeile

© 2007-2017: Impressum/queerhandicap